Ernst Wilhelm Nay, ‘Mit gelben Scheiben und blauen Spitzen’, 1954, Galerie Schlichtenmaier

Das Bild »Mit gelben Scheiben und blauen Spitzen« gehört zu den frühesten Scheibenbildern von Ernst Wilhelm Nay, das von einer singulären, bestechenden Klarheit im Schaffen des Künstlers ist. Nach der Abwendung vom Gegenständlichen und der Ausformulierung einer eigenständigen Bildsprache in den geometrisch-rhythmischen Formverkettungen entdeckt er die farbenfrohen Punkte, die sich zu sich überlappenden Scheiben ausbreiten und ihm eine nahezu endlose gestalterische Variationsbreite eröffnet. Das Bild entstand im selben Zeitraum wie Nays theoretische Schrift »Vom Gestaltwert der Farbe« (1955), in der er sich programmatisch über Fragen der Chromatik, Rhythmus und Volumen der Farbe sowie über das Geistige in der Kunst auslässt. Die Bewegung, die in einer kubischen Abstraktion Anfang der 1950er Jahre schon vorbereitet war und auch hier noch von rechts unten nach links oben in einer perspektivischen Schachbrettanmutung zu ahnen ist, bekommt in der Farbe als Bewegungsmotiv einen neuen Schub. »Ich will von einem Weiß zum Gelb«, schreibt Nay in seinem Text. »Beide Farben sind wie alle Farben statisch. In Richtung auf das Gelb kühle ich das Weiß durch Blau. Ich schattiere nicht ab, sondern setze das Blau rhythmisch in das Weiß. Dem Gelb mich nähernd, vermindert das Weiß seinen Helligkeitswert, ist zugleich in Blau gekühlt und verliert an Farbigkeit, wird zu Grau.« Als beschreibe er das vorliegende Gemälde, fährt er fort: »Diesem verminderten Helligkeits- und Farbwert setze ich vom Gelb her einen zwar warmen, vom Gelb her warmen, in sich aber noch kalten, dem Grau gleichen Tonwert, Krapplack-Rosa, entgegen. Wie vom Weiß zum Grau, jetzt vom Krapplack-Rosa zum hellen Wert der warmen Farbe aufsteigend gewinne ich Gelb.« Zugleich findet Nay von der Idee der Bilderreihe bzw. Formkette, die die Arbeiten aus dem Jahr 1954 auszeichnet, zu den betont einfachen, dem kreisenden Handgestus verpflichteten Scheibenmotiven, die er zu einem sinfonischen Höhepunkt seines Schaffens entwickelt.

Signature: signiert und datiert u. l.: Nay 54; verso auf Keilrahmen signiert, betitelt und datiert

Galerie Günther Franke, München 1954

Aurel Scheibler (Hg.), Ernst Wilhelm Nay, Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 2, Köln 1990, Nr. 700; Konstrevy XXXI, H. 4 (Stockholm 1955), Abb. 166

Galerie Günther Franke, München; Privatsammlung Fort Worth / Texas; Sotheby's, London; Galerie Neher, Essen

About Ernst Wilhelm Nay

Ernst Wilhelm Nay deftly adapted his Expressionist style to the climate of post-war abstraction, maintaining subtle and individual use of color while expressing energy with quick brushstrokes. White Spring (1963), part of his purely abstract series of oil paintings composed mainly of loose circles (“Disks” 1955-63), exemplifies his capacity for deep conceptual and expressive meaning. For Nay, the disks represented a fundamental, universal form, free of personal connotations. Color remained central to Nay’s paintings, gouaches, and drawings, as he simplified forms and cooled his palette—sometimes applying daring color combinations—to create spaceless compositions of planes in late works such as Sinus (1966). Unlike many of his peers, Nay eschewed the influence of second-generation Abstract Expressionism and the newly emerging threads of Op, Pop, and Minimalist art.

German, 1902-1968, Berlin, Germany

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2015
Aspects of German Art (Part One) - Revisited, Ben Brown Fine Arts, Hong Kong
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