Luzia Simons, ‘Stockage 79’, 2009, Galerie Schlichtenmaier

Irritierend schön sind die Arbeiten Luzia Simons, nicht nur wegen der floralen Motive, sondern wesentlich durch die kompositionelle Perfektion und die dahinter stehende Technik, welche dem singulären Stil die Bezeichnung »Digitaler Barock« eingebracht hat. Tatsächlich will der eine Betrachter in den Werken Gemäldevorlagen aus dem holländischen Barock erkennen, der andere sieht Fotografien opulent inszenierter Blumendekors. Beide täuschen sich. Das Ergebnis der aufwendigen und langwierigen »Aufnahme« durch den Scanner ist objektiv nicht durch technische Linsen gefiltert, sondern wird in unmittelbarer Nähe zum Gegenstand vermittelt. Luzia Simons übertrifft mit ihren Scans sowohl die Malerei wie die Fotografie an Tiefe und Brillanz, und da sie die Pflanzen auf dem Scanner drapiert – also bei der Vorbereitung des Szenarios von unten nach oben arbeitet –, wirkt die Komposition sensationell anders, ohne dass man das sofort bemerkt – von der Wahrnehmung her ist die Abfolge von Vorder-, Mittel- und Hintergrund mit der Hinterglasmalerei vergleichbar. Dass der überbordenden Blüte die morbide Seite der Vergänglichkeit zur Seite gestellt ist, ist ein Tribut an die Wirklichkeit und das Leben – und zugleich ein Reflex auf die kulturgeschichtliche Vanitas-Vorstellung, die insbesondere im 17. Jahrhundert das Denken prägte. Dieses Diptychon, das zwar das Thema zweifach durchspielt, ist hier - anders als bei vielen anderen mehrteiligen Motiven Simons - bewusst als Doppelbild aufgebaut, um die Illusion des schönen Scheins zu durchkreuzen.

Signature: verso signiert

Matthias Harder (Hg.), Luzia Simons, Berlin 2012, S. 94 f., 157

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